Vor dem Waschhaus

um 1897-98

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Gemälde Vor dem Waschhaus zeigt eine Haus mit Bäumen vor welchem eine Frau Wäsche auf eine Leine aufhängt
Max Liebermann, Vor dem Waschhaus, um 1897-98

In der Sammlung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt befindet sich seit 1962 das Gemälde Vor dem Waschhaus von Max Liebermann. Es wurde auf der 37. Auktion am 3./4. Mai 1962 in Roman Ketterers Stuttgarter Kunstkabinett vom Hessischen Ministerium für Erziehung und Volksbildung erworben, um die in der NS-Zeit durch Beschlagnahmung und Verkauf in die Sammlung gerissenen Lücken wieder zu füllen. Erst im Jahre 2017 ging das Gemälde in das Eigentum des Museums über.

Das HLMD hatte bereits 1924 und 1927 zwei Gemälde Liebermanns erworben. Bei dem ersten Ankauf handelt es sich um ein 1923 entstandenes genrehaftes Gartenbild, Kind mit Wärterin, das wohl Liebermanns Enkelin mit ihrem Kindermädchen zeigt. Sein heutiger Standort ist nicht bekannt. Das zweite Gemälde war ein Selbstporträt Liebermanns, das von ihm direkt erworben worden war. Auch der Verbleib dieses Werks ist bis heute nicht geklärt. Wann diese beiden Gemälde vom Museum in der NS-Zeit wieder verkauft wurden, lässt sich auf Grund der Totalzerstörung der Akten beim Luftangriff am 11./12. September 1944 nicht mehr feststellen. Vermutlich geschah dies zwischen 1937 und 1944.

Das Gemälde Vor dem Waschhaus befand sich seit mindestens 1927, möglicherweise aber schon seit 1907 in der Sammlung des Frankfurter Hofjuweliers Louis Koch (1862– 1930). Die rückseitige Aufschrift „K 126“ bezieht sich möglicherweise auf ein Inventar der Sammlung. Seine beiden Töchter erbten spätestens nach dem Tod ihrer Mutter Alice, geb. Flersheim, im Jahre 1936 seine umfangreichen Sammlungen an Kunst, Antiquitäten und Autographen. Sowohl Martha –  in zweiter Ehe verheiratet mit dem Kunstsammler Robert von Hirsch –  als auch Maria gehörten in der NS-Zeit zu den wegen ihrer jüdischen Herkunft Verfolgten. Maria Koch (1895– 1955) hatte 1920 den Agrarökonomen Rudolf Flörsheim (1893– 1962) geheiratet und lebte mit ihm seit 1921 auf Gut Bayers-Eich bei Egelsbach. Auch Rudolf Flörsheim gehörte wegen seiner jüdischen Abstammung zur Gruppe der NS-Verfolgten. Das Ehepaar entschloss sich 1936, den Gutshof zu verkaufen und emigrierte mit den beiden Kindern nach Florenz. Nachdem die Situation dort immer bedrohlicher wurde – Rudolf Flörsheim war während Hitlers Staatsbesuch in Italien 1938 inhaftiert worden -  flohen sie in die Schweiz. Ob sie das Gemälde mit nach Italien genommen oder schon vorher in die Schweiz gebracht hatten, ist nicht bekannt. Das Gemälde wurde 1948 auf der großen Liebermann-Ausstellung im Kunstverein St. Gallen unter der Nummer 29 gezeigt. Aber wer war zu dieser Zeit der Besitzer? Hatten die Flörsheims es zwischen 1938 und 1945 aus Geldnot verkaufen müssen, da sie als Immigranten in der Schweiz keine Arbeitserlaubnis bekamen?

Glücklicherweise sind die Unterlagen zur Ausstellung erhalten geblieben. Aus ihnen geht hervor, dass „Maria Floersheim-Koch, Wildegg“ 1948 Eigentümerin des Gemäldes war. Der Verdacht, es könne sich um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Raubgut oder Fluchtgut handeln, hat sich nicht bestätigt.

Udo Felbinger