Das HLMD besitzt aktuell 32 Zeichnungen des Romantikers Moritz von Schwind (1804-1871) in seiner Graphischen Sammlung. Von ihnen gehören 30 zum „Alten Bestand“, der sich heute wegen des Kriegsverlustes des Inventarbuches vor 1908 nur noch teilweise genauer bestimmen lässt. Zwei weitere Blätter gelangten in den Jahren 1997 und 2000 in die Sammlung. Erst die Entdeckung eines alten Ausstellungskataloges der Berliner Nationalgalerie aus dem Jahre 1904 brachte einen unerwarteten Fortschritt bei der Erforschung der Provenienz: Das damalige Großherzogliche Museum in Darmstadt hatte insgesamt 22 Zeichnungen für die Ausstellung in Berlin zur Verfügung gestellt. Im Katalog finden sich nicht nur die Titel der Blätter, sondern auch Maßangaben sowie Informationen zur Technik. Besonders letztere Angaben erwiesen sich als hilfreich, denn die Szenen auf den Zeichnungen werden heute zum Teil anders gedeutet als damals. Leider gibt es im Katalog keine Abbildungen, welche eine Bestimmung wesentlich erleichtert hätten. Überraschenderweise finden sich unter den seinerzeit ausgestellten 22 Blättern auch zwei heute nicht mehr vorhandene großformatige Aquarelle, von denen nicht einmal mehr die Titel bekannt gewesen sind: Eine „Heilige mit Palmzweig“ sowie ein „Christus mit Heiligem“. Es sind Entwürfe für Kirchenfenster in Landshut, die von „J. Naue in München“ erworben worden waren. Vermutlich handelt es sich dabei um Julius Naue (1833-1907), einen Schüler Schwinds. Von den insgesamt drei Aquarellen ist heute nur noch „Die Apostel Thomas und Jacobus“ vorhanden. Ob die fehlenden Werke zwischen 1904 und 1950 gegen andere Objekte eingetauscht, ob sie verkauft oder gestohlen oder 1944 zerstört wurden, lässt sich aktuell nicht feststellen. Aber wo und von wem hatte das Großherzogliche Museum seine anderen Schwind-Zeichnungen erworben? Eine mögliche Erklärung deutet das Vorhandensein eines weiteren Leihgebers aus Darmstadt in der Ausstellung von 1904 an: Die Familie von Neufville hatte über 80 Zeichnungen nach Berlin geliehen. Eine Enkelin Schwinds war mit einem Mitglied der alteingesessenen Frankfurter Familie von Neufville verheiratet. Von ihr hatte das Landesmuseum 1937 das Gemälde „Die Morgenstunde“ erworben, ursprünglich ein Hochzeitsgeschenk Schwinds an seine Tochter Marie.
Udo Felbinger