Warum Provenienzforschung?

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Kunstraub - Soldaten mit Gemälden

Die Frage nach der Herkunft von Sammlungsobjekten ist integraler Bestandteil der Arbeit an Museen, Bibliotheken, Archiven und am Kunstmarkt. Sie dient neben der Identifizierung von sogenanntem Raubgut auch dem Erkenntnisgewinn zur Sammlungs- und Institutionengeschichte und dem Verständnis der Prozesse um Authentifizierung, (Wert-)Zuschreibung, Manifestation oder Aneignung dessen, was heute als Kulturgut definiert wird.

Im Zusammenhang mit Zuschreibungs- und Echtheitsfragen sowie der Erforschung privater und öffentlicher Sammlungen und der Entstehung und Entwicklung des Kunstmarktes gehört Provenienzforschung von je her zum Methodenkanon der Kunstwissenschaft.

Seit einigen Jahren dient die Erforschung früherer Besitzverhältnisse von Sammlungsobjekten häufig der Aufklärung unrechtmäßiger Raubkontexte. Insbesondere der nationalsozialistische Kunst- und Kulturgutraub steht spätestens seit den medienwirksamen Fällen um Kirchners „Berliner Straßenszene“ (2006) oder dem so genannten „Schwabinger Kunstfund“ (2013 ff.) im Fokus des fachlichen wie auch des öffentlichen Interesses.

Gemälde werden in einen Transporter eingeladen. Schwarz/weiß
Central Collecting Point Wiesbaden

Historische Verantwortung / moralische Verpflichtung

Aus der Einzigartigkeit des Holocaust leitet sich für Deutschland eine moralische Verpflichtung ab, die niemals verjähren wird. Während der Zeit des Nationalsozialismus haben sich Gesellschaft und kulturelle Einrichtungen massiv an der Ausplünderung der vom Nationalsozialismus Ausgegrenzten, Verfolgten und Ermordeten beteiligt.

Grundlage für die Provenienzforschung zu NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut bildet die auf der „Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust“ von 44 Teilnehmerstaaten (darunter auch die Bundesrepublik Deutschland) verabschiedete „Washingtoner Erklärung“. Gemeinsam mit 43 weiteren Staaten hat sich die Bundesrepublik Deutschland dazu verpflichtet, NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter zu identifizieren und mit ihren früheren Eigentümer*innen oder deren Erb*innen eine faire und gerechte Lösung zu finden.

Zur Umsetzung dieser Verpflichtung haben der Bund, die Länder und die kommunalen Spitzenverbände im Dezember 1999 eine Gemeinsame Erklärung zur Auffindung und Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut verabschiedet.

Indem die Provenienzforschung über die reine Objektforschung hinaus auch Einzelheiten der Biografien verfolgter Personen ermittelt und damit auch die aktive Teilhabe jüdischer Mitbürger am Kunst- und Kulturleben in Deutschland sichtbar macht, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungsarbeit. Darin liegt langfristig vielleicht ihre wichtigste Funktion: in und an den Sammlungen die Spuren des Unrechts erkennbar zu machen, die ihnen eingeschrieben sind.

Gewölbegang schwarz/weiß
Central Collecting Point Wiesbaden